Über Lebendigkeit


Als wir Kinder waren, haben wir Hütten und Verstecke gebaut. Wir gruben mit unseren Händen in der Erde und erklommen die Bäume. Wir waren geschickt, in der Vertikalen ebenso wie in der Horizontalen. Wir konnten das weiche Moos in Händen halten und hatten gerade noch einen Stein geworfen. Kreise zeichneten sich ab und wir waren eingebunden in diese Kreise.

Als Stamm und Bande auf Zeit stellten wir Gemeinschaftsregeln auf und verwarfen sie wieder. Wir wählten und vereidigten feierlich unseren Anführer – reich an natürlichem Wissen, waren uns Rituale nicht fremd. Und so war fast alles mehr als ein Spiel – wir erlebten uns in aneinander gereihten, rituellen Handlungen, die uns immer mehr eins werden ließen mit dem Eingebundensein in die Natur, in die Gemeinschaft und in höhere Intelligenzen.

Wir kannten unsere Umgebung in jeder Facette. Die Gestalt der Landschaft mit all ihren exponierten Formen, ihren Senken und Tälern, ihren Abenteuerschluchten und all den markanten Wesenheiten, war nicht nur etwas um uns herum, sondern auch ein Teil in uns. Ein Teil, der uns vollständig machte und der uns nährte.
Wir schufen in jeder Himmelsrichtung ein kleines Paradies in Gestalt besonders schöner Orte und Plätze. Wir hatten unseren Lieblingsplatz für die Stille und das Alleinsein. Hier gab es immer eine Art Gral, eine Umhegung oder einen Wall. Es gab auch eine Mitte und einen definierten Ein- und Austritt.

Viele Orte waren versteckt und für andere kaum sichtbar. Nur wir kannten den Weg dorthin. Das machte es besonders. All diese Plätze und Orte pflegten und hegten wir. Wir lernten, was es heißt, die Dinge schön zu machen. Wir errichteten, wir verzierten und dekorierten, wir erschufen und manchmal zerstörten wir auch. Das war Teil der wilden Jagd. Sie war ebenso in uns wie die Fähigkeit, zu bewahren, achtzugeben und zu lauschen. Die wilde Jagd inspirierte uns und sie brachte unser Herz zum Glühen.

waterWir haben im Regen getanzt, Staudämme gebaut, ums Feuer gesessen. In unseren Träumen konnten wir mit den Adlern fliegen und mit den Forellen tauchen. Wir wussten, was ein guter Anfang ist und wie Dinge einen würdigen Abschluss erhalten.
Wir waren Naturtalente. Naturals. Und eigentlich sind wir es noch heute. Wir können diese Orte aufsuchen und zur Lebendigkeit finden. Das ist heilig.

Joseph Campbell, der sein Lebenswerk der Mythologie, den Symbolen und dem Motiv der Heldenreise widmete, sagte in einem Interview den folgenden Satz:

„Eigentlich suchen Menschen gar nicht nach dem ‚Sinn des Lebens‘ oder nach ‚Bedeutung‘. Menschen suchen nach dem Gefühl, lebendig zu sein.“
Joseph Campbell

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Dieses Gefühl lebendig zu sein, ist es, was mich immer wieder an die Orte und Plätze meiner Kindheit führt. Ich höre die Stimmen und nehme den Duft war, der immer noch in der Luft liegt. Früh morgens um sechs, wenn die kleinen Leute (so nennen wir die Erdgeister, Zwerge und Kobolde der Gegend.) noch unterwegs sind, besuche ich die Bäume, die jetzt, einige Jahrzehnte später, groß und mächtig erscheinen, wo sie damals noch ganz jung, biegsam und klein waren.

Jetzt und hier ist die Zeit für ein kurzes Gebet, ein kleines Ritual. Ich gebe ein wenig Tabak und danke für das gute Leben. Vielen Dank für bis hierher.

Holger im April 2016

 

P.S.: Vom 1.-3. Juli 2016 findet das Coyote Sommercamp am Beuerhof statt. Ich würde mich freuen, dich dort zu treffen.